Lebe Deinen Traum - wie abgedroschen klingt das denn?
Wir hatten durch den Hausverkauf in Deutschland ein wenig Geld übrig, und Jutta wollte es nicht einfach auf der Bank liegen lassen. Sie wollte in eine Immobilie investieren, um vernünftigerweise Mieterträge erzielen zu können. Und genau mit diesem Thema erwartete sie mich und erklärte, dass die Immobilienpreise hier günstig seien und in Relation hohe Mieterträge realisiert werden könnten. Besonders in den Sommermonaten, da es offensichtlich eine Urlaubshochburg der Spanier sei. Und in den Wintermonaten, weil viele Rentner aus Nordeuropa den Winter hier verbringen würden.
“Gut!” sagte ich, “Such was!” Während sie mit Felice unserer lieben und treuen Hündin zum Spaziergang los wollte. “Such was an einem Hafen, bitte!” rief ich hinterher. “Ich will, wenn ich alt bin am Hafen sitzen.”
Jutta blieb länger als gewöhnlich weg und begrüßte mich mit den Worten: „Ich glaube, ich habe was, schau mal …“ Tatsächlich hatte sie am Strand Eva kennengelernt, die, ebenfalls aus Deutschland stammend, mit ihrem Hund unterwegs war – so hatten sie sich auch kennengelernt – und eine Wohnung im Ort besaß. Eva erklärte, dass die guten Wohnungen nicht über die Plattformen im Internet zu finden seien, sondern privat oder über zwei ansässige Makler, die nicht mit den großen Plattformen arbeiteten. Und wie der Zufall es wollte, hatte einer von ihnen gerade einen „Neuzugang“: ein kleines Penthouse-Appartement direkt am Hafen. Die Bilder waren toll. Am Nachmittag besichtigten wir es, am nächsten Morgen sagten wir zu und fanden uns wenig später im Büro des Maklers wieder, um den Vorvertrag zu unterschreiben.
Jetzt ist das alles schnell runtergetippt und man könnte meinen, es ginge alles ganz leicht von der Hand. Nein, nein, nein. Solche Prozesse wecken in mir alle Zweifel und Ängste. Ich bin bei solchen Dingen ein Riesenschisser und Zweifler. Aber: Ich arbeite mit meinen Ängsten und ich prüfe jedes Argument meines Verstandes, ob es einer Angst entspringt oder berechtigt ist oder eine Intuition wieder gibt. Es ist sehr schwer, die Dinge manchmal zu unterscheiden. Durch diese aufwendige Arbeit und tiefgehenden Prozesse finde ich nicht nur heraus, was ich wirklich will, sondern löse meine Ängste auf und bin so in der Lage, meine Träume und Wünsche zu leben. Genau das sind doch die Momente, in denen jeder aussteigt, der Angst hat. Aber die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, denn wer wirklich lebt, lebt immer und es geht immer weiter, solange man leben will.
Die Wohnung stand leer und wir setzten unsere Europareise mit dem Wohnmobil fort.
Drei Monate später – wir waren gerade in Südfrankreich – verletzte sich Felice ganz unglücklich, als sie unter dem Wohnmobil hervorkommen wollte. Sie hatte offensichtlich große Schmerzen und litt sehr. Am zweiten Tag parkte ein Wohnmobil mit österreichischem Kennzeichen neben uns. Wir kamen ins Gespräch und die Dame war Tierärztin; sie konnte uns direkt mit Schmerzmitteln versorgen. Ich erwähne das, weil ich mein ganzes Leben lang beobachten kann, dass alles, worum ich bitte, bereits in unmittelbarer Nähe vorhanden ist. Wir müssen nur die Augen aufmachen und mit den Menschen reden.
Am nächsten Tag suchten wir eine Tierklinik in Béziers auf. Felice hatte große Schmerzen und große Angst, war aber so tapfer. Die Untersuchung ergab, dass im Becken etwas gebrochen war und operiert werden musste, was hier vor Ort jedoch nicht gemacht werden konnte. Zudem hätte der Hund danach für mindestens sechs Wochen absolut ruhiggestellt werden müssen – ohne die Aussicht, dass es danach wirklich wieder gut wird. Es zerriss uns das Herz, aber diese Qual wollten wir dem Tier nicht antun. Wir nahmen in großer Dankbarkeit Abschied und ließen sie einschläfern. Eine Stunde zuvor hatten wir die Klinik mit dem Ziel betreten unsere Felice behandelt und schmerzfrei wieder mitnehmen zu können und jetzt war sie tot. Wer je einen Hund hatte, kann das nachvollziehen; für die anderen ist es schwer verständlich: Die Trauer war unendlich groß. Wir konnten unsere Reise nicht fortsetzen. Das erste Mal seit unserer Abfahrt vor knapp drei Jahren hatte ich Sehnsucht nach einem Zuhause. Ich wollte heim, um zu trauern. Ich wollte mich ganz auf diese Gefühle einlassen und keines davon verdrängen. Denn Trauer ist pure Liebe, wenn sie zugelassen wird und diese Liebe heilt. Aber dieses Zuhause gab es nicht mehr. Im Wohnmobil hielten wir es kaum aus. Also wohin? „Lass uns nach Roquetas in unsere Wohnung gehen!“, schlug ich vor.
Als wir hier ankamen, wussten wir, warum es sich nicht gut angefühlt hatte, sie zu vermieten. Alles hatte nun einen Sinn und einen Zweck. Wir müssen auf unsere Gefühle hören und das tun, was wir auf dieser Ebene wollen. Dabei müssen wir lernen zu unterscheiden, ob uns eine Angst lenken will oder unser wahres Selbst. Das geht am besten, wenn wir alle Ängste und Gefühle bearbeiten und bis zu ihrem Ursprung verfolgen. Erst dann kennen wir deren wahre Motivation: die Vermeidung einer Angst oder ein wirklicher Wunsch.
So war ich nun der alte Mann, der auf der Bank saß und das Leben im Hafen beobachtete. Und jedes Mal, wenn ein Segelboot den Hafen verließ, rührte sich eine Sehnsucht in mir und ich fragte mich, wie es wohl ist, mit einem Segelboot den Hafen zu verlassen, die Segel zu setzen und sich mit dem Wind treiben zu lassen?
Wir entschlossen uns, um allen Gesetzen gerecht zu werden, uns in Spanien ordnungsgemäß anzumelden und auch das Wohnmobil hier zu registrieren. Insgesamt sind die Steuern hier höher und ich lernte, dass Deutschland steuerlich betrachtet gar nicht so schlecht war. Allerdings war es mir längst ein Dorn im Auge, was mit den Steuergeldern dort gemacht wird. Ich wollte das nicht länger unterstützen und Spanien gefiel mir in dieser Hinsicht unterstützungswürdiger. Diese An- und Ummelderei wurde zu einer echten Tortur und beschäftigte und nervte uns über Wochen. Zum Glück gab es Dienstleister, die sowohl der Sprache als auch den Gepflogenheiten hier gewachsen waren und uns unterstützten.
Kaum war das Eine erledigt, meldeten sich unsere weltlichen Herausforderungen aus der zurückgelassenen Heimat. Meine Mutter war hochbetagt, seit Jahren ein Pflegefall und immer wieder krank. Ich wollte nicht, dass die Verantwortung an meinen Kindern hängen bleibt, und so mussten wir immer wieder nach Deutschland. Auch an dieser Stelle sei gesagt, dass es damals nicht einfach war, die Mutter zurück zu lassen und in die Welt zu ziehen. Zahlreiche Sitzungen kreisten um Schuld- und Pflichtgefühle, die ich als Kind gelernt hatte. Es finden sich immer Gründe, die uns zurück halten und mit denen wir glaubhaft unsere Träume hinten anstellen oder gar vergessen lassen. Wenn wir uns unseren anerzogenen Schuldgefühlen ausliefern, quasi die Marionetten unserer Erziehung sind, wollen wir uns dann wirklich fragen, was unsere Bestimmung ist?
Kaum waren wir wieder in Spanien starb im Herbst Juttas Vater mit 93 Jahren. Ihre Mutter, auch schon 86 Jahre, die bis dahin alles gemeistert hatte, brach emotional zusammen und wurde zum Pflegefall. Wir mussten uns um einen Pflegeplatz und die Auflösung des Hausstandes kümmern. Unser Leben fand nun in Flugzeugen und Hotels statt. Jetzt war auch klar, warum uns Felice so plötzlich verlassen musste – denn das wäre mit einem Hund nicht zu bewältigen gewesen. Kaum waren wir Ende Januar wieder in Spanien angekommen, ging es meiner Mutter wieder schlecht. Diesmal fuhren wir mit dem Wohnmobil nach Deutschland, denn wir wussten nicht, wie lange wir dort sein würden, und wollten nicht schon wieder in Hotels oder Gästezimmern leben. Tatsächlich starb meine Mutter dann Ende April. Es war schön, die letzten Wochen fast täglich bei ihre gewesen zu sein und sie zu begleiten, ihr Ängste zu nehmen und Zuversicht zu geben. Sie hielt so sehr am Leben fest, letztlich starb sie deshalb auch nicht wirklich leicht. So war es 1989 bei meinem Vater auch. Er war allerdings erst 53 Jahre und hatte allen Grund noch nicht sterben zu wollen. Er kämpfte und quälte sich unendlich. Ich machte damals eine interessante Erfahrung. Dazu will ich vorwegnehmen: 6 Monate zuvor wurde ich zum ersten Mal Vater. In dem Moment, als mein Sohn mit dem ersten Atemzug seine Lungen füllte, riss mir das Herzchakra auf und ich erfüllt von purer Liebe, wie ich es noch nie zuvor bewusst erlebt hatte. Es berührte mich und die Tränen liefen mir das Gesicht hinunter, was ich so nicht kannte. In den folgenden Tagen berührte es mich immer wieder aufs Neue. In dem Moment als mein Vater starb, ist genau dasselbe passiert. Es riß mir das Herzchakra auf und mein Herz war von Liebe erfüllt. Mir wurde klar, dass die Menschen, die mit dieser Liebe nicht umgehen können, sie also nicht ertragen, Trauer negativ erleben. Sie schließen ihr Herzchakra um die Gefühle unter Kontrolle oder sogar gänzlich zurückzuhalten und versäumen das große Geschenk solcher Momente. Denn diese Liebe heilt. Gelebte Trauer heilt. Sie heilt so viel in uns und zwischen uns. Der Tod ist so natürlich wie das Leben, denn er ist ein Teil des Lebens. Wenn ich ein Problem mit dem Tod habe, habe ich ein Problem mit dem Leben; zumindest einem Aspekt davon. Entsprechend gibt es offensichtlich in dieser Angelegenheit noch Ängste oder Muster oder Glaubenssätze die bearbeitet und gelöst sein wollen. Jedes Problem deutet daraufhin, dass wir einen Aspekt des Lebens nicht verstehen oder mit Ängsten oder Mustern geprägt haben.
Nach der Beerdigung meiner Mutter waren wir Mitte Mai wieder in Spanien. Nun lebten wir in der Wohnung; vom Wohnmobil hatten wir nach fast drei Jahren, warum auch immer, genug. Freistehen am Strand wurde durch die Schwemme an Wohnmobilen zunehmend untersagt. Stell- und Campingplätze sind permanent überfüllt und auch das Publikum hatte sich verändert. Wir fühlten uns nicht mehr so wohl wie einst.
Also war ich wieder der alte Mann am Hafen. Selbst von unserer Terrasse aus konnte ich die Hafeneinfahrt beobachten. “Wie es wohl sein muss, bei Sonnenaufgang mit dem Boot aus dem Hafen zu fahren?” Was brauchte es ausser einem Boot dazu? Die Recherche hat ergeben: Da wir in Spanien lebten, müssten wir das Boot unter spanischer Flagge fahren (was rechtlich und finanziell so ziemlich das Ungünstigste in Europa ist). Aber viel tragischer: Ich hatte keinen Bootsführerschein. Um die deutsche Lizenz zu erwerben, müsste ich einen deutschen Wohnsitz haben – den hatte ich nun nicht mehr. Also musste ich, sofern ich das wollte, den Schein in Spanien machen. Spanien war bekannt dafür, dass die Anforderungen sehr hoch sind. Aber das größte Problem war: Ich konnte außer Essen und einen Kaffee zu bestellen kein Spanisch sprechen.
Nachdem die Kinder nach Malaga zum Flughafen begleitet waren kehrte wieder Ruhe ein. Jutta fand im Internet eine Segelschule im Nachbarort: Escuela Nautica Andalucia und drängte mich einmal hinzugehen.
Die Presse berichtete folgendes:
Ralf Bihlmaier, Jahrgang 1964, ist mit rund 300 Seminar- und Coachingtagen im Jahr einer der meistgebuchten Mentaltrainer in Deutschland. Damit ist sein eigener Werdegang ein eindrucksvolles Beispiel für die Kraft der von ihm entwickelten Methode.
Er war in verschiedenen Berufen tätig, bevor ihn eine große Lebenskrise völlig aus der Bahn warf. Nach Jahren des Chaos und Mangels hat Ralf Bihlmaier es mit der Mentalen Resonanz Methode geschafft, seinen Alltag völlig neu zu strukturieren, in wenigen Jahren seine nicht unerheblichen Schulden zu bezahlen, seine Gesundheit wiederherzustellen, eine glückliche Partnerschaft aufzubauen und in Harmonie mit sich und seinem Umfeld zu leben.
Zahlreiche Ärzte, Therapeuten und Trainer haben die Mentale Resonanz Methode mittlerweile in ihre Arbeit integriert. Zu seinen Klienten gehören inzwischen auch Profisportler, Künstler und Unternehmer.
Ralf Bihlmaier zog sich 2016 aus dem Seminarleben zurück und lebt heute mit seiner Frau im Ausland. Er bietet noch Einzelcoachings, vorzugsweise per Telefon und über das Internet oder persönlich bei ihm Vorort an.
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