Seine Träume verwirklichen ist der beste Kompass des Lebens

Dieser Satz „Lebe deinen Traum“ klingt so abgedroschen, dass ich mich fast schäme, ihn zu verwenden. Ich möchte dir heute aber etwas dazu sagen, was du so noch nie gehört oder gelesen hast und dich ermutigen soll, deinen Traum zu leben.
 
Ich beginne mit einer grundlegenden Frage, die ich schon hunderte Male in Coachings gestellt bekommen habe: „Was ist meine Bestimmung?“ Ich will dir heute den Weg zeigen, deine Bestimmung nicht nur zu finden, sondern auch zu leben.
 
Das allererste Problem besteht darin, dass du deine Träume und Wünsche nicht verwirklichst. Die Gründe dafür hat dir dein Verstand verständlich gemacht. Ich kenne das. Mein ganzes Leben verlief so. Glaub mir, als der Wunsch da war, mit dem Wohnmobil die Welt zu erkunden, und im Umkehrschluss alles verkauft oder verschenkt und damit zurückgelassen werden sollte – was glaubst du, wie mein Verstand rebellierte? Welchen Ängsten ich gegenüberstand? Und wie viele Menschen auf uns eingeredet haben, um uns umzustimmen? Unsere Träume und Wünsche kommen direkt aus dem höchsten Selbst, um uns wie ein Köder auf einen anderen Weg zu locken.
Wir waren schon mehr als zwei Jahre unterwegs und sind in einer kleinen Stadt in Andalusien gelandet. Wir waren schon ein paar Tage hier, einfach weil wir das Gefühl hatten, angekommen zu sein, und die Stadt alles bieten konnte, was wir wollten.
Morgens bin ich vom Wohnmobilstellplatz immer zum Strand und die Promenade entlang gejoggt – meist bis zum Hafen. Dort kurz innegehalten und wieder zurück. Denn ein Hafen hat etwas. Am Hafen schauen die Menschen auf die Boote und aufs Wasser und machen Fotos von sich. Ein Hafen ist magisch. 

An diesem Morgen ist mir ein alter Mann aufgefallen, der auf einer Bank saß. Er schien weit über achtzig Jahre und schaute sichtlich zufrieden in den Hafen und aufs Wasser. „Wow – wie geil ist das denn!” dachte ich so, “Wenn du alt bist, am Hafen sitzen.“ Mit diesem Gefühl kam ich zurück zum Wohnmobil. Jutta überfiel mich mit ihrem aktuellen Anliegen, mit dem sie mich seit Wochen nervte. 

Wir hatten durch den Hausverkauf in Deutschland ein wenig Geld übrig, und Jutta wollte es nicht einfach auf der Bank liegen lassen. Sie wollte in eine Immobilie investieren, um vernünftigerweise Mieterträge erzielen zu können. Und genau mit diesem Thema erwartete sie mich und erklärte, dass die Immobilienpreise hier günstig seien und in Relation hohe Mieterträge realisiert werden könnten. Besonders in den Sommermonaten, da es offensichtlich eine Urlaubshochburg der Spanier sei. Und in den Wintermonaten, weil viele Rentner aus Nordeuropa den Winter hier verbringen würden.

“Gut!” sagte ich, “Such was!” Während sie mit Felice unserer lieben und treuen Hündin zum Spaziergang los wollte. “Such was an einem Hafen, bitte!” rief ich hinterher. “Ich will, wenn ich alt bin am Hafen sitzen.” 

Jutta blieb länger als gewöhnlich weg und begrüßte mich mit den Worten: „Ich glaube, ich habe was, schau mal …“ Tatsächlich hatte sie am Strand Eva kennengelernt, die, ebenfalls aus Deutschland stammend, mit ihrem Hund unterwegs war – so hatten sie sich auch kennengelernt – und eine Wohnung im Ort besaß. Eva erklärte, dass die guten Wohnungen nicht über die Plattformen im Internet zu finden seien, sondern privat oder über zwei ansässige Makler, die nicht mit den großen Plattformen arbeiteten. Und wie der Zufall es wollte, hatte einer von ihnen gerade einen „Neuzugang“: ein kleines Penthouse-Appartement direkt am Hafen. Die Bilder waren toll. Am Nachmittag besichtigten wir es, am nächsten Morgen sagten wir zu und fanden uns wenig später im Büro des Maklers wieder, um den Vorvertrag zu unterschreiben.

Jetzt ist das alles schnell runtergetippt und man könnte meinen, es ginge alles ganz leicht von der Hand. Nein, nein, nein. Solche Prozesse wecken in mir alle Zweifel und Ängste. Ich bin bei solchen Dingen ein Riesenschisser und Zweifler. Aber: Ich arbeite mit meinen Ängsten und ich prüfe jedes Argument meines Verstandes, ob es einer Angst entspringt oder berechtigt ist oder eine Intuition wieder gibt. Es ist sehr schwer, die Dinge manchmal zu unterscheiden. Durch diese aufwendige Arbeit und tiefgehenden Prozesse finde ich nicht nur heraus, was ich wirklich will, sondern löse meine Ängste auf und bin so in der Lage, meine Träume und Wünsche zu leben. Genau das sind doch die Momente, in denen jeder aussteigt, der Angst hat. Aber die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, denn wer wirklich lebt, lebt immer und es geht immer weiter, solange man leben will.

Wir kauften jedenfalls, renovierten, kauften neue Betten und Matratzen, was man eben so macht, und boten die Wohnung zur Vermietung an. Direkt meldeten sich Rentner für den Winter und Urlauber für den Sommer. Wir erzielten eine Rendite von sage und schreibe 10 % im ersten Jahr. Unterschriebene Mietverträge und Anzahlungen flatterten ins Postfach. Als wir allerdings die ersten Mieter über Zoom kennenlernten, wurde uns ganz anders. Wir stellten fest, dass wir unser Bettchen diesen Menschen nicht überlassen wollten. Und wir stellten weiter fest: Wir sind keine Vermieter. Schweren Herzens haben wir alle Mietverträge ordentlich gekündigt und die Anzahlungen postwendend zurückgezahlt.

Die Wohnung stand leer und wir setzten unsere Europareise mit dem Wohnmobil fort.

Drei Monate später – wir waren gerade in Südfrankreich – verletzte sich Felice ganz unglücklich, als sie unter dem Wohnmobil hervorkommen wollte. Sie hatte offensichtlich große Schmerzen und litt sehr. Am zweiten Tag parkte ein Wohnmobil mit österreichischem Kennzeichen neben uns. Wir kamen ins Gespräch und die Dame war Tierärztin; sie konnte uns direkt mit Schmerzmitteln versorgen. Ich erwähne das, weil ich mein ganzes Leben lang beobachten kann, dass alles, worum ich bitte, bereits in unmittelbarer Nähe vorhanden ist. Wir müssen nur die Augen aufmachen und mit den Menschen reden.

Am nächsten Tag suchten wir eine Tierklinik in Béziers auf. Felice hatte große Schmerzen und große Angst, war aber so tapfer. Die Untersuchung ergab, dass im Becken etwas gebrochen war und operiert werden musste, was hier vor Ort jedoch nicht gemacht werden konnte. Zudem hätte der Hund danach für mindestens sechs Wochen absolut ruhiggestellt werden müssen – ohne die Aussicht, dass es danach wirklich wieder gut wird. Es zerriss uns das Herz, aber diese Qual wollten wir dem Tier nicht antun. Wir nahmen in großer Dankbarkeit Abschied und ließen sie einschläfern. Eine Stunde zuvor hatten wir die Klinik mit dem Ziel betreten unsere Felice behandelt und schmerzfrei wieder mitnehmen zu können und jetzt war sie tot. Wer je einen Hund hatte, kann das nachvollziehen; für die anderen ist es schwer verständlich: Die Trauer war unendlich groß. Wir konnten unsere Reise nicht fortsetzen. Das erste Mal seit unserer Abfahrt vor knapp drei Jahren hatte ich Sehnsucht nach einem Zuhause. Ich wollte heim, um zu trauern. Ich wollte mich ganz auf diese Gefühle einlassen und keines davon verdrängen. Denn Trauer ist pure Liebe, wenn sie zugelassen wird und diese Liebe heilt. Aber dieses Zuhause gab es nicht mehr. Im Wohnmobil hielten wir es kaum aus. Also wohin? „Lass uns nach Roquetas in unsere Wohnung gehen!“, schlug ich vor. 

Als wir hier ankamen, wussten wir, warum es sich nicht gut angefühlt hatte, sie zu vermieten. Alles hatte nun einen Sinn und einen Zweck. Wir müssen auf unsere Gefühle hören und das tun, was wir auf dieser Ebene wollen. Dabei müssen wir lernen zu unterscheiden, ob uns eine Angst lenken will oder unser wahres Selbst. Das geht am besten, wenn wir alle Ängste und Gefühle bearbeiten und bis zu ihrem Ursprung verfolgen. Erst dann kennen wir deren wahre Motivation: die Vermeidung einer Angst oder ein wirklicher Wunsch.

So war ich nun der alte Mann, der auf der Bank saß und das Leben im Hafen beobachtete. Und jedes Mal, wenn ein Segelboot den Hafen verließ, rührte sich eine Sehnsucht in mir und ich fragte mich, wie es wohl ist, mit einem Segelboot den Hafen zu verlassen, die Segel zu setzen und sich mit dem Wind treiben zu lassen? 

Wir entschlossen uns, um allen Gesetzen gerecht zu werden, uns in Spanien ordnungsgemäß anzumelden und auch das Wohnmobil hier zu registrieren. Insgesamt sind die Steuern hier höher und ich lernte, dass Deutschland steuerlich betrachtet gar nicht so schlecht war. Allerdings war es mir längst ein Dorn im Auge, was mit den Steuergeldern dort gemacht wird. Ich wollte das nicht länger unterstützen und Spanien gefiel mir in dieser Hinsicht unterstützungswürdiger. Diese An- und Ummelderei wurde zu einer echten Tortur und beschäftigte und nervte uns über Wochen. Zum Glück gab es Dienstleister, die sowohl der Sprache als auch den Gepflogenheiten hier gewachsen waren und uns unterstützten.

Kaum war das Eine erledigt, meldeten sich unsere weltlichen Herausforderungen aus der zurückgelassenen Heimat. Meine Mutter war hochbetagt, seit Jahren ein Pflegefall und immer wieder krank. Ich wollte nicht, dass die Verantwortung an meinen Kindern hängen bleibt, und so mussten wir immer wieder nach Deutschland. Auch an dieser Stelle sei gesagt, dass es damals nicht einfach war, die Mutter zurück zu lassen und in die Welt zu ziehen. Zahlreiche Sitzungen kreisten um Schuld- und Pflichtgefühle, die ich als Kind gelernt hatte. Es finden sich immer Gründe, die uns zurück halten und mit denen wir glaubhaft unsere Träume hinten anstellen oder gar vergessen lassen. Wenn wir uns unseren anerzogenen Schuldgefühlen ausliefern, quasi die Marionetten unserer Erziehung sind, wollen wir uns dann wirklich fragen, was unsere Bestimmung ist? 

Kaum waren wir wieder in Spanien starb im Herbst Juttas Vater mit 93 Jahren. Ihre Mutter, auch schon 86 Jahre,  die bis dahin alles gemeistert hatte, brach emotional zusammen und wurde zum Pflegefall. Wir mussten uns um einen Pflegeplatz und die Auflösung des Hausstandes kümmern. Unser Leben fand nun in Flugzeugen und Hotels statt. Jetzt war auch klar, warum uns Felice so plötzlich verlassen musste – denn das wäre mit einem Hund nicht zu bewältigen gewesen. Kaum waren wir Ende Januar wieder in Spanien angekommen, ging es meiner Mutter wieder schlecht. Diesmal fuhren wir mit dem Wohnmobil nach Deutschland, denn wir wussten nicht, wie lange wir dort sein würden, und wollten nicht schon wieder in Hotels oder Gästezimmern leben. Tatsächlich starb meine Mutter dann Ende April. Es war schön, die letzten Wochen fast täglich bei ihre gewesen zu sein und sie zu begleiten, ihr Ängste zu nehmen und Zuversicht zu geben. Sie hielt so sehr am Leben fest, letztlich starb sie deshalb auch nicht wirklich leicht. So war es 1989 bei meinem Vater auch. Er war allerdings erst 53 Jahre und hatte allen Grund noch nicht sterben zu wollen. Er kämpfte und quälte sich unendlich. Ich machte damals eine interessante Erfahrung. Dazu will ich vorwegnehmen: 6 Monate zuvor wurde ich zum ersten Mal Vater. In dem Moment, als mein Sohn mit dem ersten Atemzug seine Lungen füllte, riss mir das Herzchakra auf und ich erfüllt von purer Liebe, wie ich es noch nie zuvor bewusst erlebt hatte. Es berührte mich und die Tränen liefen mir das Gesicht hinunter, was ich so nicht kannte. In den folgenden Tagen berührte es mich immer wieder aufs Neue. In dem Moment als mein Vater starb, ist genau dasselbe passiert. Es riß mir das Herzchakra auf und mein Herz war von Liebe erfüllt. Mir wurde klar, dass die Menschen, die mit dieser Liebe nicht umgehen können, sie also nicht ertragen, Trauer negativ erleben. Sie schließen ihr Herzchakra um die Gefühle unter Kontrolle oder sogar gänzlich zurückzuhalten und versäumen das große Geschenk solcher Momente. Denn diese Liebe heilt. Gelebte Trauer heilt. Sie heilt so viel in uns und zwischen uns. Der Tod ist so natürlich wie das Leben, denn er ist ein Teil des Lebens. Wenn ich ein Problem mit dem Tod habe, habe ich ein Problem mit dem Leben; zumindest einem Aspekt davon. Entsprechend gibt es offensichtlich in dieser Angelegenheit noch Ängste oder Muster oder Glaubenssätze die bearbeitet und gelöst sein wollen. Jedes Problem deutet daraufhin, dass wir einen Aspekt des Lebens nicht verstehen oder mit Ängsten oder Mustern geprägt haben.

Nach der Beerdigung meiner Mutter waren wir Mitte Mai wieder in Spanien. Nun lebten wir in der Wohnung; vom Wohnmobil hatten wir nach fast drei Jahren, warum auch immer, genug. Freistehen am Strand wurde durch die Schwemme an Wohnmobilen zunehmend untersagt. Stell- und Campingplätze sind permanent überfüllt und auch das Publikum hatte sich verändert. Wir fühlten uns nicht mehr so wohl wie einst.

 

Also war ich wieder der alte Mann am Hafen. Selbst von unserer Terrasse aus konnte ich die Hafeneinfahrt beobachten. “Wie es wohl sein muss, bei Sonnenaufgang mit dem Boot aus dem Hafen zu fahren?” Was brauchte es ausser einem Boot dazu? Die Recherche hat ergeben: Da wir in Spanien lebten, müssten wir das Boot unter spanischer Flagge fahren (was rechtlich und finanziell so ziemlich das Ungünstigste in Europa ist). Aber viel tragischer: Ich hatte keinen Bootsführerschein. Um die deutsche Lizenz zu erwerben, müsste ich einen deutschen Wohnsitz haben – den hatte ich nun nicht mehr. Also musste ich, sofern ich das wollte, den Schein in Spanien machen. Spanien war bekannt dafür, dass die Anforderungen sehr hoch sind. Aber das größte Problem war: Ich konnte außer Essen und einen Kaffee zu bestellen kein Spanisch sprechen.

Im Juli besuchte uns meine Tochter mit ihrem Mann und deren beiden kleinen Kindern. Wir überließen ihnen die Wohnung und lebten die zehn Tage im Wohnmobil. Es war eine sehr schöne Zeit mit der Familie, und der Abschied fiel schwer. Viele Menschen erklären mir, dass sie niemals die Heimat ihrer Kinder oder Enkelkinder wegen verlassen würden oder könnten. Ja, das liegt daran, dass Abschied und Sehnsucht für nahezu alle Menschen etwas Negatives sind, dem sie – wie allem Negativen – aus dem Weg gehen, ebenso wie dem Gefühl des Vermissens, was sie nicht aushalten oder Angst davor haben, alleine zu sein oder sie sich selbst womöglich allein gar nicht aushalten. All das sind Hindernisse, die verhindern den eigenen Traum zu verwirklichen. Ein Traum, also ein echter Wunsch zeigt uns einen Weg zu uns selbst auf unseren Lebensweg. Es bedeutet nicht, dass es leicht wird, den Traum zu verwirklichen – das zeigt diese Geschichte im Folgenden noch sehr deutlich. Wenn wir aber stets allem, was aus unserem Inneren kommt, aus dem Weg gehen, weil wir die damit verbundenen Gefühle und Ängste verhindern wollen, brauchen wir uns doch nicht zu wundern, wenn wir am Ende nicht bei uns selbst und damit bei unserer Bestimmung ankommen. Oder?
 
Wenn wir aber diesen Gefühlen nachgehen und sie behandeln wie Ängste – es heißt ja schließlich auch Sehnsucht, und jede Sucht entspringt einer Angst –, wenn wir diese Gefühle auflösen, landen wir in purer Liebe. Und das ist das Problem der Menschen: So viel Liebe halten sie nicht aus, weil sie Angst haben, verletzt zu werden. Also wird die Liebe kleingehalten und jede Gefahr einer Verletzung vermieden. Ihr wart dann zwar für eure Familie immer da, aber ihr habt nicht euer eigenes Leben gelebt und wundert euch, warum ihr eure Bestimmung nicht gefunden habt.
Nachdem meine Familie wieder abgereist war, fand Jutta im Internet eine Segelschule im Nachbarort: die Escuela Náutica Andalucía. Sie drängte mich, einfach hinzugehen und nachzufragen.
Mein erster Besuch verlief ernüchternd. Ich hatte mir mühsam eine Frage auf Spanisch zurechtgelegt und auswendig gelernt. Die Antwort des Mannes verstand ich nicht – bis auf sein obligatorisches „sin problema“. Er musste bestimmt fünfmal wiederholen, dass der Unterricht dienstags und donnerstags um 10:00 Uhr sowie mittwochs um 17:00 Uhr stattfand, bis der Rhythmus halbwegs in meinem Kopf einsank. Zum Abschied signalisierte er mir, ich solle am besten heute Abend um 17:00 Uhr direkt mitschreiben.
Pünktlich um fünf saßen wir zu viert im Kurs. Niemand sprach auch nur ein Wort Deutsch oder Englisch. Die anderen machten sich eifrig Notizen, ich verstand nur Bahnhof. Mein Versuch, den Google-Übersetzer zu nutzen, scheiterte an zwei Hürden: Zum einen reagierte der lehrende Capitano allergisch auf den Griff zum Smartphone, zum anderen blieben die nautischen Fachbegriffe, die ich mühsam eintippte, ohne deutsche Übersetzung. Selbst die Live-Diktat-Funktion spuckte nur unverständlichen Müll aus. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte: Der Capitano sprach einen so harten andalusischen Dialekt, dass die KI ebenso kapitulierte wie ich.
Nach jedem Lernblock fragte er in die Runde: „¿Todo bien?“ Ich begriff schnell, dass ein kopfschüttelndes „No“ seine Geduld überforderte. Also hörte ich auf, seine Fragen zu kommentieren, und schwieg. Am Ende der ersten Stunde tippte ich verzweifelt in mein Handy und hielt ihm den Bildschirm hin: „Ich habe kein Wort verstanden.“ Die anderen Kursteilnehmer gestikulierten beruhigend, einer klopfte mir auf die Schulter: „Don’t worry!“
Frustriert fuhr ich nach Hause. Ich beschloss, mir drei Wochen Zeit zu geben, bevor ich das Handtuch werfe. Nach einer Woche erhielten wir eine kopierte Mappe mit den Themen. Zuhause stellte ich fest, dass die gängigen Online-Übersetzer bei der Seemannssprache komplett versagten. Die Rettung kam von meinem segelerfahrenen Freund Bernd, der mir deutsche Fachliteratur schickte. Mein System war von nun an simpel, aber extrem aufwendig: Ich lernte die Theorie auf Deutsch und ordnete den Inhalten anschließend die spanischen Vokabeln zu. Obwohl ich im Unterricht weiterhin nur Fragmente verstand, wuchs nach einem Monat mein Vertrauen in diese Strategie. Das Ziel stand fest: Die Prüfung im November an der Universität von Murcia. 45 Fragen, 90 Minuten Zeit.
Bei den Praxiseinheiten auf See stellte ich mich gut an. Wir waren bereits vor Jahren zweimal je eine Woche mit Bernd und Martina segeln. Bernd hat mir in dieser Zeit viel beigebracht und tatsächlich konnte ich mich gut daran erinnern. 

Schmerzhaft war im Kursalltag jedoch etwas anderes: das Gefühl, als dumm abgestempelt zu werden, nur weil ich mich nicht ausdrücken konnte. Mein wöchentlicher Spanischunterricht glich einem Schneckentempo. Der nächste herbe Dämpfer folgte beim Funkzeugnis. Ich konnte die vorgeschriebenen Funksprüche zwar fehlerfrei aufsagen, verstand aber die Antworten der spanischen Gegenstelle durch das Krächzen des VHF-Geräts und den andalusischen Dialekt überhaupt nicht. Ich war am Verzweifeln, bis ich in Bernds Unterlagen las, dass international überall auch auf Englisch gefunkt werden darf. Ab diesem Moment wechselte ich die Sprache. Da die ältere Generation der Marineros kaum Englisch sprach, winkten sie mich bei der Prüfung schnell und ohne weitere Diskussionen durch. Die Funklizenz hatte ich in der Tasche.
Die Erfahrung, aufgrund einer Sprachbarriere wie ein Idiot behandelt zu werden, triggerte tiefe Erinnerungen an meine Schulzeit und an ganz bestimmte Lehrer. Es tat weh, aber es gab mir auch die Chance, alte Verletzungen und Blockaden endgültig aufzulösen.
Das Blatt wendete sich schlagartig, als wir mit Zirkel und Lineal auf Seekarten navigieren und Kurse berechnen mussten. Sobald ich die spanische Aufgabenstellung einmal entschlüsselt hatte, fielen mir die Kalkulationen von Kursen, Koordinaten, Gezeiten und Sternpositionen leicht. Meine Mitschüler bissen sich an der Mathematik die Zähne aus. Als sie bemerkten, dass ich nicht einmal einen Taschenrechner nutzte, sondern alles im Kopf oder mit flüchtigen Notizen löste, stieg mein Ansehen im Kurs rasant. Plötzlich war ich wieder im Rennen. Das gab mir den nötigen Auftrieb für den Endspurt.
Zwei Monate lang lernte ich jeden Tag bis zu zwei Stunden zu Hause, besuchte zwei Spanischkurse und saß zweimal pro Woche für drei Stunden in der Segelschule.
Im November war es dann soweit und ich fand mich schließlich in einem Hörsaal der Universität von Murcia wieder. Die Navigationsaufgaben waren so simpel, dass ich misstrauisch wurde und jede Rechnung doppelt prüfte. Nach 60 Minuten ging ich nach vorne, um den Prüfungsbogen abzugeben. Der Prüfer glich meine Daten ab, tippte auf das Papier und schüttelte den Kopf. Ich hatte die falsche Ausweisnummer eingetragen – unter dieser Ziffer existierte im System kein Prüfling. Als ich den Fehler schnell korrigieren wollte, entgegnete er nur trocken, das sei nicht erlaubt. Der Bogen war ungültig. Ehe ich reagieren konnte, wanderten meine Antworten und Berechnungen der letzten Stunde in kleinen Schnipseln in den Mülleimer.
Er fragte mich, ob ich im März wiederkommen oder es jetzt sofort noch einmal versuchen wolle. „Jetzt“, sagte ich. Er händigte mir einen neuen Bogen aus und trug die Ausweisnummer diesmal eigenhändig ein. Als ich zurück an meinem Tisch saß und auf die Uhr blickte, traf mich der Schlag: Mir blieben exakt 22 Minuten für 45 Fragen.
Mein Herz hämmerte gegen die Rippen, das Adrenalin schoss mir in die Glieder. Ich hatte keine Zeit mehr, über die spanischen Formulierungen nachzugrübeln. Ich musste funktionieren. Zeile für Zeile flog ich durch die Fragen, verließ mich rein auf mein mühsam antrainiertes Textverständnis und die Intuition. Berechnete nochmals Kurse, Koordinaten und Ankunftszeiten. Nach knapp einer Viertelstunde setzte ich das letzte Kreuz und gab den Bogen ab. Drei Wochen später kam das Ergebnis: bestanden mit 44 von 45 korrekten Antworten.
Wenn ich heute auf diesen Weg zurückblicke, wird mir bewusst, wie wichtig es ist, Kindern niemals das Gefühl zu geben, sie seien dumm. Es ist eine Demütigung, die tief sitzt. Ich habe diesen Mechanismus als erwachsener Mann durchgestanden, aber ein Kind zerbricht an derartigen Abwertungen durch Lehrer oder Eltern. Als Vater habe ich diesen Fehler in der Vergangenheit sicher auch gemacht [Search]. Heute weiß ich: Wir müssen Kinder in ihren Stärken bestärken und ihnen dort Mut machen, wo sie sich schwertun. Jeder Mensch ist anders, und jeder bringt ein einzigartiges Potenzial mit.
Das Spannende an meiner Reise war, dass ich das eigentliche Ziel zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kannte. Mein Weg entwickelte sich Schritt für Schritt, und im Nachhinein griff jeder scheinbare Zufall perfekt in den nächsten. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Leben genau so funktioniert. Oft scheitern Menschen daran, dass sie sich krampfhaft riesige Ziele einreden müssen. Als Jugendlicher hatte ich keine Ahnung, was ich werden wollte – woher auch, ich kannte die Optionen dieser Welt überhaupt nicht. Sogar Jeff Bezos trat damals nicht an, um ein globales Imperium aufzubauen; er suchte anfangs lediglich nach einem Produkt, das er über dieses neue Ding namens Internet verkaufen konnte. Seine Biografie zeigt, dass er vor unfassbaren Hürden stand. Die wichtigste Lehre daraus ist: Es gibt immer eine Lösung. Das ist ein kosmisches Gesetz.
 
In dem Moment, in dem man aufgibt, ist es vorbei. Solange man jedoch dranbleibt, kommen Lösungen. Ist ein Traum erst einmal verwirklicht, taucht nach einer kurzen Verschnaufpause meist schon die nächste Vision auf. Jede Biografie eines erfolgreichen Menschen funktioniert nach diesem Prinzip: Die wenigsten starten mit dem ultimativen Endziel vor Augen. Die Mehrheit entwickelt sich von Etappe zu Etappe.
Diese Entwicklung findet in erster Linie im Innen statt. Jede äußere Veränderung setzt eine innere voraus. So entstehen Persönlichkeiten. Das Problem dabei ist der eigene Wille. Oft wird dieser Wille bereits in der Kindheit gebrochen. Es entstehen tief sitzende Traumata, die das spätere „Wollen“ blockieren. Das Resultat sind Menschen, die ihr Leben lang nur das ausführen, was andere von ihnen verlangen. Ich selbst habe jahrzehntelang in genau dieser Anpassungsfalle gesteckt. Aber diese Prägung ist nicht in Stein gemeißelt. Traumata können heilen, und ein eigener Wille lässt sich wieder aufbauen und trainieren.
Schließlich bleibt die Frage, welchen Preis man bereit ist zu zahlen. Ich kenne viele begabte Menschen. Aber was nützt das größte Talent, wenn die Bereitschaft fehlt, hart zu arbeiten? Ohne Fleiß wird man irgendwann von demjenigen überholt, der weniger Talent, aber mehr Biss hat. Als wir damals in Ebersbach wohnten, lebte in unserer Nachbarschaft der Boxer Firat Arslan. Er begann erst mit 20 Jahren zu boxen – extrem spät für diesen Sport. Überall musste er sich anhören, er sei völlig untalentiert. Als er mit 37 Jahren schließlich Weltmeister wurde, verfolgte ich das Post-Match-Interview live im Fernsehen. Er blickte direkt in die Kamera und sagte sinngemäß: „Lasst euch nicht entmutigen und eure Ziele ausreden. Wenn ihr etwas wirklich wollt und bereit seid, hart an euch zu arbeiten, könnt ihr alles erreichen. Ich hatte kein Talent, aber ich war bereit zu arbeiten.“
Diese Worte trafen mich mitten ins Herz. Zu dieser Zeit verdiente ich meinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Saxophonen. Zu diesem Nischenbusiness war ich durch eine simple Frage gelangt: Was will ich in genau diesem Moment? Die Antwort lautete: Saxophon spielen lernen und jeden Tag mit diesen Instrumenten zu tun haben. So entstand ein kleines Business, welches ich von Zuhause aus führen konnte.
An einem Samstagnachmittag klingelte das Telefon. Ein aufgebrachter Anrufer erklärte, er benötige für einen Schüler dringend ein günstiges Altsaxophon – und zwar sofort. Er sitze in Stuttgart und brauche etwa 40 Minuten bis zu mir. Eine Stunde später öffnete ich die Tür. Vor mir stand ein Mann mit einer unfassbar positiven, energiegeladenen Ausstrahlung. Er stellte sich als Albert Lee vor.
Ich führte ihn in mein Büro, dessen Boden mit Saxophonen gepflastert waren. Er griff sich ohne langes Zögern das erstbeste Instrument. Als die ersten Töne den Raum füllten, durchströmte mich ein wohliges Gefühl. Ich bekam eine Gänsehaut, Tränen schossen mir in die Augen. Noch nie hatte ich jemanden so schön spielen hören. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Das ist ja unglaublich …“, stammelte ich.
Er lächelte. „Ich bin Albert Lee. Kennst du mich nicht?“ Erst jetzt begriff ich, dass einer der bedeutendsten Saxophonisten Deutschlands in meinem Büro stand.
„So will ich auch spielen können“, murmelte ich ehrfürchtig.
Albert sah mich an. „Wie alt bist du?“
„Vierzig“, antwortete ich.
„Pass auf“, sagte er. „Ich habe mit sechs Jahren angefangen. Seitdem spiele ich jeden Tag mehrere Stunden. Ich bin jetzt ebenfalls vierzig. Wenn du also ab heute 34 Jahre lang jeden Tag ein paar Stunden übst und dir hin und wieder einen guten Lehrer nimmst, dann wirst du mit 74 oder 80 Jahren genauso gut spielen können.“
„Oje“, jammerte ich ernüchtert.
Da sah er mich an und sagte einen Satz, der mein gesamtes weiteres Leben prägen sollte: „Weißt du, jeder will etwas Besonderes sein. Aber nur die wenigsten sind bereit, es auch zu werden.“
Fortsetzung folgt

Die Presse berichtete folgendes:

Ralf Bihlmaier, Jahrgang 1964, ist mit rund 300 Seminar- und Coachingtagen im Jahr einer der meistgebuchten Mentaltrainer in Deutschland. Damit ist sein eigener Werdegang ein eindrucksvolles Beispiel für die Kraft der von ihm entwickelten Methode.
Er war in verschiedenen Berufen tätig, bevor ihn eine große Lebenskrise völlig aus der Bahn warf. Nach Jahren des Chaos und Mangels hat Ralf Bihlmaier es mit der Mentalen Resonanz Methode geschafft, seinen Alltag völlig neu zu strukturieren, in wenigen Jahren seine nicht unerheblichen Schulden zu bezahlen, seine Gesundheit wiederherzustellen, eine glückliche Partnerschaft aufzubauen und in Harmonie mit sich und seinem Umfeld zu leben.
Zahlreiche Ärzte, Therapeuten und Trainer haben die Mentale Resonanz Methode mittlerweile in ihre Arbeit integriert. Zu seinen Klienten gehören inzwischen auch Profisportler, Künstler und Unternehmer.
Ralf Bihlmaier zog sich 2016 aus dem Seminarleben zurück und lebt heute mit seiner Frau im Ausland. Er bietet noch Einzelcoachings, vorzugsweise per Telefon und über das Internet oder persönlich bei ihm Vorort an.

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